Und das Glas noch immer halbvoll
Der Zug hält. Die Türen öffnen sich. Und Bozen riecht schon anders als alles, was ich hinter mir gelassen habe. Ich weiss nicht, womit das beginnt — mit dem Licht vielleicht, oder mit der Luft, die hier irgendwie mehr Süden enthält als die Karte vermuten lässt. Ich ziehe die Jacke aus. Es ist Ende März. Ich bin angekommen, bevor ich auch nur einen Schritt gemacht habe.
Durch die Stadt, Schritt für Schritt
Der Waltherplatz ist der natürliche Ausgangspunkt jedes Bozner Spaziergangs. Walter von der Vogelweide thront auf seinem Sockel und schaut, wie immer, leicht skeptisch auf das Treiben unter ihm. Die Terrassen sind noch nicht ganz besetzt, aber fast — ein Zeichen, dass der Frühling nicht mehr fragt, sondern bereits anklopft. Ich biege in die Silbergasse ein, vorbei an Mauern, die ich seit Jahren kenne, kurz vor der Paulaner Stube tauche ich in einen Seitengang, der mich in die Laubengasse führt.
Hier ist Bozen bei sich. Die gotischen Bögen werfen ihren Schatten auf Pflastersteine, die tausend Winter gesehen haben. Ein älterer Herr liest Zeitung auf seinem Stuhl. Eine Frau in Grün schaut sich die neue Kollektion an. Niemand eilt. Die Lauben haben diese seltene städtebauliche Qualität, dass sie den Schritt verlangsamen, ohne es zu verlangen.


Ich folge dem Obstplatz, der um diese Jahreszeit noch nicht ganz im Frühlingsrausch ist. Die Händler stapeln jedoch bereits Orangen und Zitronen und packen Tulpen und Ranunkeln mit einer Sorgfalt, als hätten sie alle Zeit der Welt. Das ist mein Rat an jeden, der am Samstag auf diesem Platz vorbeikommt: Nimm dir eine Tüte mit. Die Zitronen hier schmecken wie eine geografische Argumentation für den Süden. Und die eine oder andere Spezialität vom Marktstand gehört auf den Rucksack wie eine Briefmarke auf eine Postkarte.
Ich gehe die Museumsgasse hinunter, vorbei an der Franziskaner Bäckerei, einem dieser stillen Orte, an dem Bozen beiläufig seine Identität preisgibt, und biege in die Rauschertorgasse hoch. Ich überquere die Wagnerstrasse, wechsle in die Claudia-de'-Medici-Strasse und plötzlich liegt es vor mir.
Das Schloss in der Abendsonne
Schloss Maretsch steht da wie ein Gedanke, den jemand in Stein vollendet hat. Der Parkplatz auf meiner linken Seite ist bereits gefüllt und in der langen, goldenen Abendsonne leuchtet die Fassade in einem Farbton, für den mir kein Name einfällt. Wenn das Licht so fällt und der Himmel klar ist – wie an diesem Abend – kann man von hier aus die Dolomiten sehen. Sie stehen in der Ferne und brennen. Und das ist keine Metapher: Sie glühen in diesen Abendminuten in einem so intensiven Rot-Orange, dass man kurz vergisst, warum man eigentlich gekommen ist.
Ich umrunde das Schloss nach links. Und dann – dieser Anblick!
Die ersten Forsythien leuchten gelb. Die dahinter liegenden Weinberge sind noch kahl, aber mit der Geduld von Dingen, die wissen, dass sie bald wieder treiben werden. Bozen hat den Frühling früher als die meisten anderen Städte und Ende März ist er hier bereits keine Ankündigung mehr, sondern eine Tatsache. Ich stehe einen Moment lang da und schaue einfach.


Neunundneunzig
Im Renaissance-Innenhof scheint die Welt in Ordnung zu sein. Das ist keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Beobachtung. Menschen sitzen an langen Tischen, Gläser stehen in Reih und Glied, und über allem liegt eine besondere Stimmung aus Neugier und Behagen. Sie entsteht, wenn Menschen aus freien Stücken zusammenkommen, um gemeinsam etwas zu kosten.
Die Bozner Weinkost findet in diesem Jahr zum 99. Mal statt. Seit 1896 wird hier in genau diesem Format verkostet: am Tisch, mit Zeit und in Gesellschaft. Diese Kontinuität wirkt seltsam beruhigend, als wäre der Beweis erbracht, dass manche Dinge einfach richtig sind, weil sie sich so hartnäckig halten.
Mir stellte sich sofort das Problem: Über 160 Weine aus rund vierzig lokalen Weingütern. Ich stand vor der Weinliste wie vor einem Roman in einer Sprache, die ich zur Hälfte beherrsche. Vernatsch, Lagrein, Gewürztraminer, St. Magdalener, Weissburgunder – jeder Name ist ein Versprechen, doch welches sollte ich zuerst einlösen?
Mattias und das Gefühl, gut beraten zu sein
Es war Matthias Messner, der Direktor der Kellerei Bozen, der mich aus meiner Unentschlossenheit rettete. Er kam mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, dem diese Weine nicht nur vertraut sind, sondern mit denen er gewissermassen verwandt ist, an den Tisch. Wir sprachen kurz – er fragte mich, wonach ich suche, nicht, was ich kenne. Das ist ein Unterschied. Ich sagte ihm, ich wolle verstehen, was Bozen im Glas bedeutet. Er nickte, als wäre das eine akzeptable Antwort, und wählte aus.
Zunächst einen St. Magdalener. Dann einen Lagrein, der dunkler war als erwartet und länger auf dem Gaumen blieb, als mir lieb war. Ich trank und schwieg, was das Höchste ist, was ich einem Wein attestieren kann.
Charly und die Kunst, Geschichten ins Glas zu giessen
Charly ist ein Sommelier der alten Schule – und das meine ich als das grösste Kompliment, das ich vergeben kann. Nicht altmodisch. Alt im Sinne von: Er hat sich etwas bewahrt, das in moderneren Betrieben oft verloren geht: die Überzeugung, dass Wein eine Geschichte braucht, um vollständig zu sein.
Er begibt sich zu uns an den Tisch. Nicht offiziell, sondern weil das Gespräch es verlangte. Und dann erzählte er. Von einem Jahrgang, der schlecht beginnen wollte und sich im Herbst besann. Von einem Winzer in St. Justina, der seine besten Trauben nie verkauft, sondern selbst trinkt. Er sprach über die Frage, was den Unterschied zwischen einem guten und einem grossen Wein ausmacht, und gab eine Antwort, die ich hier nicht wiedergeben werde, da sie nur mit dem Glas in der Hand Sinn ergibt.
Charly allein war die Reise wert. Das sage ich nicht leichtfertig.
Freitagabend, Bar Laurin
Wer meint, die Weinverkostung ende mit dem letzten Schluck im Schloss, der hat den Abend noch vor sich. Nach der Verkostung am Freitagabend marschierte ich in die Bar des Parkhotel Laurin – ein Haus, das ich schätze, weil es Bozen nicht erklärt, sondern zeigt.
Die von Franz Staffler mit grosser Sorgfalt kuratierten Musikabende im Parkhotel Laurin finden von Oktober bis Mai jeden Freitagabend statt. Der Saal empfängt an diesem Abend Hotelgäste und Einheimische gleichzeitig – und genau darin liegt der eigentliche Reiz. Ich sass neben einem Bozner, einem pensionierten Architekten, der mir über zwei Stunden lang mehr über den Lagrein erzählte, als ich in einem Jahr hätte lesen können. Manche Abende rechnen sich auf eine Art, die unbezahlbar sind.
Der Jazz war gut. Der Absacker danach ebenso. Aber was ich mitnehme, ist das Gefühl einer Stadt, die ihre Stube noch kennt.


Was man nicht versäumen sollte
Wer am Donnerstag anreist, dem empfehle ich, am Freitag an einer der geführten Stadtbesichtigungen teilzunehmen, die das Verkehrsamt während der Weinkost anbietet. Bozen hat mehr zu erzählen, als ein Wochenende fassen kann — und die acht Bozner Seligkeiten sind nicht Folklore, sondern Hinweis.Kunst- und Architekturliebhaber sollten sich die Galerie Ar Ge vormerken. Wer es ernst meint, meldet sich vorab bei der Fondazione Antonio Dalle Nogare an – einen Ort, den ich nicht beschreiben werde, da ihm keine Beschreibung gerecht werden würde. Eine weitere Adresse ist das MUSEION, in dem Bozen seine Weltoffenheit in gebauter Form präsentiert und in dem man versteht, dass diese Stadt mehr ist als ihre Weinberge und ihre Altstadt.
Epilog 2027
Ich war vor Ort, habe genossen, gesprochen und zugehört und bin mit dem Gefühl nach Hause gefahren, das gute Reisen hinterlassen: Ich habe nicht alles gesehen, aber trotzdem genug erlebt.
Im nächsten Jahr findet die Weinkost zum hundertsten Mal statt. Hundert ist eine bedeutende Zahl. Ich werde dabei sein.
Das Glas ist noch nicht leer.
Die Weinkost-Südtirol im Glas findet jährlich im März auf Schloss Maretsch statt. Informationen unter bolzano-bozen.it

𝑬𝒏𝒛𝒐 𝑫𝒆𝒔𝒕𝒊𝒏𝒐
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