BOLOGNA

La Rossa, la Dotta, la Grassa
Eine Stadt, die nichts beweisen muss

Bologna ist keine Stadt, die sich aufdrängt. Sie leuchtet nicht, sie glitzert nicht, sie inszeniert sich nicht für Reisende. Wer nach spektakulären Einzelmomenten sucht – nach dem einen Foto, dem überwältigenden Panorama, dem ikonischen Augenblick – wird vielleicht enttäuscht sein. Wer aber eine Stadt sucht, die einfach da ist, die funktioniert, die lebt und schmeckt und riecht und einen nach drei Tagen das Gefühl gibt, schon immer hierher gehört zu haben – der ist in Bologna richtig.

Unter den Portici, wenn die Stadt erwacht

Es ist halb acht morgens, und Bologna riecht nach Espresso, feuchtem Stein und dem ersten Brot des Tages. Ich komme aus dem Hotel in der Via Marsala und trete unter die Portici – jene Bogengänge, die sich wie eine zweite Haut über fast jeden Bürgersteig der Innenstadt legen. Das Licht fällt schräg durch die Arkadenpfeiler und zeichnet Streifen auf das Pflaster; eine ältere Frau zieht einen kleinen Trolley hinter sich her, ein Student radelt vorbei, ein Barista wischt seinen Tresen ab und nickt mir zu, als ich den Kopf in sein Lokal stecke. Die Stadt ist noch nicht aufgewacht – und trotzdem schon vollständig sie selbst.

Bologna trägt drei Beinamen, und alle drei stimmen: La Rossa – die Rote – wegen der Backsteinfassaden, die die ganze Altstadt in ein warmes, erdiges Rostrot tauchen. La Dotta – die Gelehrte – wegen der Universität, der ältesten der Welt, die seit mehr als neun Jahrhunderten Studenten aus aller Welt anzieht. Und La Grassa – die Fette – wegen einer Küche, die in Italien als die reichste und ehrlichste gilt, und die ihre Bewohner mit einem stillen Stolz erfüllt, der sich jeder Übertreibung enthält. Man wirbt nicht damit. Man lebt es einfach.

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Bologna i Portici

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rot, mittelalterlich, unveränder

Wer aus dem Bahnhof tritt und die Via dell'Indipendenza hinuntergeht, betritt eine Stadt, die ihre mittelalterliche Struktur erstaunlich intakt bewahrt hat. Keine breiten Boulevards, keine gründerzeitlichen Einschübe, kein Nachkriegswiederaufbau, der die alten Linien verwischt hätte. Die Strassen sind eng, die Häuser hoch, und über allem ragen – scheinbar aus dem Nichts – die Due Torri auf: der Torre degli Asinelli und der Torre della Garisenda, zwei Türme aus dem 12. Jahrhundert, die wohlhabende Adelsfamilien als Machtdemonstrationen errichteten. Im Mittelalter soll es in Bologna über hundert solcher Türme gegeben haben; heute stehen noch zwanzig. Die beiden bekanntesten sind leicht schief – der kürzere, Garisenda, so stark, dass Dante ihn in der Göttlichen Komödie erwähnte.

Der Torre degli Asinelli ist besteigbar – 498 Holzstufen bis zur Plattform in 97 Metern Höhe – und der Ausblick ist atemberaubend: ein Meer aus roten Dächern, durchzogen von den weissen Linien der Portici, eingefasst von den sanften Hügeln der Emilia-Romagna. Wer den Aufstieg scheut, erlebt den Turm auch von unten eindrucksvoll:

Er steht auf der Piazza di Porta Ravegnana, einem unscheinbaren Kreuzungspunkt, an dem sich mehrere alte Handelsstrassen treffen. Eine Steinbank gegenüber dem Turm, ein Cappuccino aus dem kleinen Bar an der Ecke, und man versteht, warum Reisende Bologna besuchen, um wiederzukommen.

Die Piazza Maggiore ist das offizielle Herz der Stadt – ein grosser, offener Platz, der von der mächtigen Basilika San Petronio, dem Palazzo dei Notai und dem Palazzo d'Accursio gerahmt wird. San Petronio, begonnen 1390 und bis heute nicht vollständig fertiggestellt, ist eine der grössten Kirchen Italiens; ihre Fassade zeigt unten feinen Marmor und oben nackten, unfertigen Backstein – ein Anblick, der mehr über den Charakter dieser Stadt sagt als jede Stadtführung. Die Piazza selbst ist ganztags belebt, aber nie überwältigend laut; abends, wenn die letzten Touristen abgezogen sind und die Studierenden ihre Fahrräder am Brunnen abstellen, gehört sie den Einheimischen.

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