FERRARA
Ferrara, 16. Oktober 1786
Es war ein Dienstag, als Johann Wolfgang von Goethe in Ferrara ankam. Er war auf dem Weg nach Rom, unterwegs in jenem rastlosen Aufbruch, den er später als seine Italienische Reise beschreiben würde – weniger Vergnügungsreise als innere Notwendigkeit. Was er in Ferrara vorfand, stimmte ihn nachdenklich, fast melancholisch.
Die Stadt hatte einmal zu den glänzendsten Höfen der Renaissance gezählt. Unter den Este hatte Ferrara Dichter angezogen, Künstler, Gelehrte – einen ganzen Kosmos aus Mäzenatentum und literarischer Ambition. Als Goethe durch die Straßen ging, waren davon die Proportionen geblieben, nicht das Leben. Die Alleen waren breit und gerade, angelegt für eine Bevölkerung, die es nicht mehr gab. Goethe notierte, die Stadt wirke einsam und verödet. Man hört in dieser Beobachtung keine touristische Enttäuschung, sondern etwas Ernsteres: das Unbehagen eines Mannes, der versteht, was Verfall bedeutet.
Er besuchte, was man in Ferrara damals besuchte. In der Kirche San Benedetto lag Ludovico Ariosto begraben, der Verfasser des Orlando Furioso, und Goethe stand vor diesem Grabmal mit dem Bewusstsein, einem der größten Erzähler der italienischen Sprache gegenüberzustehen. Dann ging er ins Hospital Sant'Anna – dorthin, wo Torquato Tasso über sieben Jahre eingesperrt gewesen war, vom Este-Fürsten Alfons II. aus Gründen, die die Historiker bis heute debattieren. Der Raum, den man ihm als Tassos Gefängniszelle zeigte, überzeugte Goethe nicht. Er schrieb trocken, der Dichter sei dort „gewiss nicht aufbewahrt worden". Der Pilgerort existierte, die Authentizität weniger.
Ferrara ließ ihn nicht los. In den Wochen nach seinem Besuch arbeitete er an einem Schauspiel weiter, das er schon lange mit sich trug: Torquato Tasso, das am Hof eben dieser Stadt spielt und vom Riss zwischen künstlerischer Existenz und politischer Wirklichkeit handelt. Ob Goethe, der selbst Geheimrat am Weimarer Hof war, in Tassos Schicksal etwas von seiner eigenen Lage wiedererkannte, lässt sich nur ahnen. Aber man muss kein Biograf sein, um zu bemerken, dass er ausgerechnet nach diesem Besuch das Stück zu Ende brachte.
Der Palazzo dell'Università mit seinen römischen Sarkophagen, die Gemälde eines gewissen Bononi in den Kirchen der Stadt – Goethe registrierte auch das, mit dem wachen Blick des Reisenden, der nichts übersieht. Doch was von Ferrara blieb, war kein Kunstwerk und kein Monument. Es war die Stille dieser überdimensionierten Straßen, die Ahnung von dem, was einmal hier gewesen war. Manchmal erzählt eine leere Stadt mehr als eine volle.
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In Ferraras Gassen, wo einst der Po raunte und der Glanz der Este-Höfe die Nächte erhellte, webt sich eine Erzählung aus Schatten und Glanz, die das Herz des Wanderers höher schlagen lässt. Hier, in der flachgelegenen Schönheit einer entvölkerten Prachtstadt, flüstert die Geschichte von Ariost und Tasso, doch tiefer noch die Spuren jüdischen Lebens: das alte Ghetto mit seinen Toren in der Via Mazzini, die nachts verschlossen die Gemeinde umfingen, die Synagoden – deutsche, italienische, fanesische –, Schätze liturgischer Kunst und vergilbter Dokumente bergend. Giorgio Bassani, der Chronist dieser Welt, lehrt in der alten Schule der Via Vignatagliata und ruht ewig im Friedhof von Via delle Vigne, einem der ältesten Italiens, wo künstlerische Gräber vom 18. bis 20. Jahrhundert wachen und das Mahnmal für Deportationsopfer trauert.
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