GARDONE RIVIERA
Wenn die Sonne über dem Monte Baldo aufgeht und ihr erstes, goldenes Licht die Ufer von Gardone Riviera küsst, verwandelt sich der See in einen Spiegel der Zeit. Das Wasser glitzert wie flüssiges Glas, Zypressen werfen lange Schatten über die alten Parkalleen, und irgendwo streift eine Brise durch Palmen und Pinien, als wollte sie die Welt sanft aus dem Schlaf schütteln. Schon im frühen 20. Jahrhundert schwärmten Reisende von diesem Ort, der scheinbar zwischen Nord und Süd, zwischen Traum und Wirklichkeit schwebt. Noch heute hat Gardone etwas Theatralisches – als wäre es für die Ewigkeit inszeniert.
Ich bin hierher gekommen, um eine Pause einzulegen. Nicht für Tage, sondern für Wochen. Wer je das Bedürfnis verspürt hat, die Zeit anzuhalten und sich neu zu erfinden, der wird verstehen, warum der Gardasee einen unweigerlich zieht. Nicht das Meer mit seiner Weite und Gleichgültigkeit, sondern dieser See – eingeschlossen von Bergen, beschützt wie ein Geheimnis, warm wie eine Erinnerung.
Die Riviera der Träume
Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten die ersten Reisenden aus Wien, München und London die heilende Ruhe dieses Ufers. Es war der visionäre Arzt und österreichische Offizier Dr. Luigi Wimmer, der das milde Klima Gardones pries und zwischen blühenden Zitronengärten und Olivenhainen elegante Villen sowie das legendäre Grand Hotel Gardone errichten ließ – das erste seiner Art am gesamten See, gegründet 1884.
Schon bald promenierten Damen mit Sonnenschirmen entlang der Riviera, während Herren in weißen Leinenanzügen Tee auf den Terrassen tranken. Musiker, Diplomaten, Literaten – sie alle fanden hier, zwischen Alpenluft und mediterraner Wärme, ihren Rückzugsort. Winston Churchill soll hier an seinen Aquarellen gearbeitet haben; Nabokov trug seine Beobachtungen ins Notizbuch. Das Grand Hotel wurde zum Magneten, zum Mittelpunkt eines neuen Lebensstils – einer Kunst des Reisens, die heute als Slow Travel wiederentdeckt wird, damals aber schlicht Eleganz hieß.
Was das Grand Hotel von allem unterscheidet, was später am See entstand, ist nicht allein sein Alter. Es ist jene Unverwechselbarkeit des Authentischen: die erhaltenen Stuckdecken, die Kristallleuchter, die 300 Meter private Seepromenade, über die kein Straßenlärm dringt. Während andere Häuser am Gardasee moderner Wellness frönen oder sich dem Design verschrieben haben, bewahrt das Grand seinen Gründungsgeist – renoviert, aber nie modernisiert. Man spürt ihn, diesen Glanz, noch heute: in der Haltung der Abendluft, im Geruch nach Holz und altem Leder, im Knarren einer Treppenstufe.
Der Dichter und sein Monument
Wenige Serpentinen oberhalb, in Gardone Sopra, schlägt das Herz der Geschichte wilder. Hier residierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gabriele D'Annunzio – jener schillernde Dichter, Kriegsheld und Lebemann, der Italien mit Worten und Exzessen gleichermaßen faszinierte. Sein Anwesen, das Vittoriale degli Italiani, ist weniger Haus als Bühnenbild: ein Labyrinth aus Prunkzimmern, Theatersälen, Balkonen und Gärten – und, ja: Schiffen, denn D'Annunzio ließ den Rumpf eines echten Kriegsschiffes in den Hang einbauen. Der Bug ragt aus dem Grün wie ein versteinierter Aufschrei.
Zwischen Kunst und Kitsch, Patriotismus und Provokation schuf er hier ein Monument seiner eigenen Legende. Von den Terrassen blickt man über den Gardasee wie ein Feldherr über sein Reich – schön, gefährlich, unendlich. Wer das Vittoriale besucht, fühlt die Spannung jener Zeit: eine Epoche zwischen künstlerischer Freiheit und ideologischer Verführung, zwischen Ästhetik und Macht. Gardone Sopra wurde zu einem Ort, an dem Geschichte greifbar bleibt – unwirklich schön und beunruhigend zugleich.
Der Heller Garden – Ein Paradies der Fantasie
Im Herz von Gardone Sopra lebt die Geschichte in einem anderen Takt: grün, verspielt, weltoffen. Der André Heller Botanische Garten ist ein Reich der Sinne, geschaffen vom österreichischen Künstler, der aus Natur eine Bühne macht. Über 3.000 Pflanzenarten aus allen Erdteilen wachsen hier zwischen Skulpturen von Keith Haring, Roy Lichtenstein, Joan Miró und Heller selbst.
Der Spaziergang durch den Garten gleicht einer stillen Meditation: Bambushaine rauschen im Morgenwind, Springbrunnen flüstern zwischen Lotusblüten, marokkanische Pavillons ducken sich neben asiatischen Steinfiguren. Koi-Teiche spiegeln Berggipfel zurück, und zwischen Palmen ranken sich Kletterrosen an alten Mauern empor. Es ist, als hätte die Fantasie hier Wurzeln geschlagen – eine moderne Fortsetzung der historischen Poesie Gardones, die zeigt: Schönheit braucht keinen Pathos, um zu überwältigen.
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ISOLA DEL GARDA
Hinauf nach San Michele – Die Stille nach dem Glanz
Wer nun noch weiter geht – wer den letzten, entscheidenden Schritt tut –, den erwartet etwas, das sich nicht beschreiben, nur erfahren lässt. Von Gardone Sopra führt eine schmale Strasse, gesäumt von alten Olivenhainen und Steinterrassen, nach San Michele hinauf. Die Luft ändert sich mit jedem Höhenmeter: kühler, klarer, stiller. Das Rauschen des Sees verebbt. Die Welt unten schrumpft zu einem Glitzern.
Oben angekommen, auf etwa 500 Metern, öffnet sich ein Panorama, das sich tief ins Gedächtnis einbrennt. Der Gardasee breitet sich aus wie ein gläsernes Meer – sein Blau wechselt mit dem Stand der Sonne, von tiefem Indigo am Morgen bis zu warmem Bernstein am Abend. Die Ufer leuchten, die Berge stehen Wache, und irgendwo dazwischen liegt die Riviera mit ihren Villen und Palmengärten – winzig, unwirklich, vollkommen. Man versteht hier oben, warum Menschen über Jahrhunderte an diesen See gezogen sind. Nicht um anzukommen, sondern um zu sehen.
Die kleine Kirche San Michele steht still an ihrem Platz, als hätte sie auf niemanden gewartet und wäre doch froh über jeden Besucher. Um sie herum: Schweigen, Wind, das geduldige Grün der Berge.
Und dann bittet man sie herein. In Oscars „A Casa Mia Pierolì”.
Denn oben angekommen erwartet dich Oskar – und wer je bei Nonna gegessen hat, jener geliebten Grossmutter mit dem unbedingten Willen zum Wohlergehen aller, der weiß, was gemeint ist: Hier wird man nicht bedient, hier wird man aufgenommen. Der Duft aus der Küche, die Wärme des Raumes, die Art, wie Oscar ein Glas hinstellt – als ob er gewusst hätte, dass du kommst. Die Zutaten sind die der Region, die Hände sind die der Erfahrung, und die Stimmung ist die des Ortes selbst: großzügig, still, ehrlich. Keine Show, kein Aufsehen. Nur Essen, das schmeckt wie eine Umarmung.
Man isst, man trinkt, man schaut hinaus auf die Berge. Und versteht, dass der Aufstieg hierher kein Umweg war. Er war der eigentliche Weg.











