RIVA DEL GARDA

Als Johann Wolfgang von Goethe am 12. September 1786 in Torbole ankam, stand er am Tor zu einer neuen Welt. Die Alpen lagen hinter ihm, die ersten Olivenbäume flirrten in der Nachmittagssonne, und der See glitzerte wie ein Versprechen. Noch am selben Abend schrieb er in sein Tagebuch, er wolle seine Freunde nur für einen Augenblick neben sich wissen, um die Aussicht mit ihnen zu teilen. Goethe war kein blosser Reisender, sondern ein Suchender. Er wollte sehen, fühlen, verstehen – die Natur als Bühne menschlicher Empfindung.

Sein Abstieg über den Felsriegel von Rovereto nach Torbole war nicht nur eine Route, sondern eine Initiation in das „andere Italien“. Er zeichnete die Linie des Sees, studierte die Felsformationen, roch die Feigen, kostete den Branzino – und geriet in eine Welt, die „der Naturzustand“ genannt werden konnte: unverschlossen, elementar, voller Leben.

Heute, fast 240 Jahre später, zieht es die Reisenden an denselben Ort. Doch Goethe würde kaum in Torbole verweilen. Er würde die Blicke in Riva del Garda finden – dort, wo Eleganz, Wasser und Wind ein Dreieck aus Kultur, Bewegung und Stille formen.

Riva ist heute, was Torbole damals war: das Tor nach Süden. Nur hat die Moderne die Schwelle bequemer gemacht. Statt Ölpapier an den Fenstern: Glasfassaden mit Seeblick. Statt des „Schlaraffenlebens“ der Einheimischen: Elegante Cafés und Segelboote, die über das Wasser gleiten. Doch der Geist des Nordwindes, der nachts von den Bergen herabbläst und die Boote Richtung Süden trägt, ist derselbe geblieben.

Man kann sich leicht vorstellen, wie der junge Dichter – heute mit einer Kamera und Notiz-App statt mit Feder und Skizzenbuch – am Seeufer von Riva stünde. Vielleicht würde er den Wind auskosten, der vom Garda-See „Ora“ genannt wird, und dabei auf einem E-Foil oder Segelboard über die Wellen reiten – nicht aus sportlichem Ehrgeiz, sondern aus jener unstillbaren Neugier, die ihn einst bis Rom führte.

Wie damals sähe er über die „unzähligen kleinen Ortschaften“ am Ufer, doch sein Blick bliebe an der Mischung aus Licht und Topographie hängen – dem Dialog von Fels und Wasser, den schon Virgil im „Benacus“ besungen hatte. Die digitale Karte würde ihm als modernem Volkmann dienen; und doch wäre seine Empfindung dieselbe geblieben: Ehrfurcht und Entzücken vor einer Landschaft, die das Nordische und das Mediterrane vereint.

So liesse sich sagen: Goethe wäre heute nicht wegen des Komforts oder der Mode nach Riva gekommen, sondern wegen der Stimmung. Riva ist das Destillat dessen, was ihn 1786 in Torbole so bewegte – die Schwelle zum Süden, das erste „Andere“, das ihn staunen liess. Nur würde er, der Naturfreund mit Sinn für das Elementare, am Abend auf der Seepromenade denselben Satz flüstern wie einst: „Wie sehr wünschte ich meine Freunde einen Augenblick neben mich, dass sie sich der Aussicht freuen könnten, die vor mir liegt.“

Enzo Destino

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