VENEDIG

Das Wasser trägt die Stadt

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, und Venedig gehört noch sich selbst. Ich sitze auf den Stufen der Kirche Santa Maria della Salute, die Füsse fast am Wasser, und schaue hinüber zum Canal Grande. Der Nebel liegt noch flach auf der Lagune, die ersten Vaporetti schieben sich lautlos durch das Grau, und das Licht, das langsam aus dem Osten kommt, ist von jener weichen, fast aquarelligen Qualität, die man nur hier kennt: als wäre die Luft selbst ein Filter, der alle Kanten wegnimmt und alles in Reflexionen verwandelt. Ein Möwenschrei. Das Plätschern von Wasser gegen Stein. Sonst: Stille.

Venedig hat keine Parallelwelt. Es gibt keine Stadt, die ihr ähnelt, keine Metapher, die sie wirklich trifft. Man kann sagen, sie sei auf dem Wasser gebaut – aber das beschreibt nur den Mechanismus, nicht das Wunder. Genauer wäre es zu sagen: Venedig ist eine Entscheidung. Eine kollektive, über Jahrhunderte aufrechterhaltene Entscheidung, einen Ort zu bewohnen, der nach allen vernünftigen Massstäben nicht bewohnbar ist. Kein Trinkwasser, kein fester Grund, keine Zufahrtsstrassen, keine Keller. Und trotzdem: Paläste, Kirchen, Gemäldegalerien, Glasmanufakturen, Bibliotheken – eine der grössten Zivilisationen der Menschheitsgeschichte, gebaut auf Pfählen im Schlamm.

Wer zum ersten Mal aus dem Bahnhof Santa Lucia tritt und die breite Freitreppe hinuntergeht, steht plötzlich vor dem Canal Grande und weiss: Diese Stadt ist echt. Das ist vielleicht das Erstaunlichste an Venedig – dass es wirklich existiert.

"Venedig ist wie eine Traumstadt, die man nicht hätte erfinden
können, und die trotzdem wahr ist."
Enzo Destino

Der Markusplatz und der Geist der Serenissima

Napoleon soll den Markusplatz den schönsten Salon Europas genannt haben. Das Zitat ist vielleicht apokryph – aber es trifft. Die Piazza San Marco ist der einzige Ort in Venedig, der wirklich «Piazza» heisst; alle anderen Plätze der Stadt tragen den bescheideneren Titel «Campo». Das ist keine Laune der Nomenklatur, sondern Ausdruck eines Selbstverständnisses: Dieser Platz ist der Mittelpunkt der Welt – oder war es zumindest für die Serenissima, die «Durchlauchtigste», wie die Venezianer ihre Republik nannten, die von 697 bis 1797 ununterbrochen Bestand hatte.

Die Basilika San Marco, über fast einem Jahrtausend in ihrer heutigen Form gewachsen, ist kein Gebäude im üblichen Sinn. Sie ist eine Schatzkammer, eine Trophäensammlung, ein gebautes Manifest venezianischer Weltgeltung. Ihre Fassade trägt Spolien aus dem ganzen Mittelmeerraum: Porphyr, Marmor, Mosaiken, Säulen, die aus Konstantinopel, Alexandria und Syrien herbeigeschafft wurden. Im Inneren liegt man fast im Halbdunkel; die Goldmosaiken an den Gewölben leuchten wie eine eigene Lichtquelle, und der Boden aus polychromem Marmor bewegt sich in leichten Wellen – als hätte er das Wasser unter sich imitiert.

Der Dogenpalast nebenan ist das politische Gegenstück: ein Bau von fast einschüchternder Grösse, der aber durch sein gotisches Maaswerk und seine blassrosa-weisse Fassade etwas Leichtes behält. Im Inneren hängt im Sala del Maggior Consiglio Tintorettos Paradiso – mit über 500 Quadratmetern eines der grössten Ölgemälde der Welt. Man steht davor und sucht nach Worten; meistens findet man keine.

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Goethe in Venedig - und was er heute sagen würde

Im September 1786 fuhr Johann Wolfgang von Goethe auf einer Gondel in die Lagune ein und notierte in seinem Tagebuch – später veröffentlicht als Teil der Italienischen Reise –, dass ihm die Stadt wie eine Art Naturphänomen erschien: etwas, das aus der menschlichen Erfindungsgabe und dem Willen der Lagune gleichermassen hervorging. Er bestieg den Markusturm, beobachtete das Treiben auf dem Canal Grande, besuchte die Komödien Goldonis im Theater und kaufte auf dem Markt bei Rialto Fische, die er namentlich nicht kannte. Er war, wie er selbst schrieb, überwältigt – und gleichzeitig nüchtern genug, um zu fragen, wie diese Stadt wirklich funktioniert.

"Venedig ist nur noch ein Familienname, die Stadt
selbst hat aufgehört zu existieren."

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, 1786

Was Goethe beschrieb, war das Ende. Die Serenissima war zu seinen Lebzeiten bereits im Verfall; 1797, nur elf Jahre nach seinem Besuch, kapitulierte die Republik vor Napoleon und hörte auf zu existieren. Was ihn faszinierte, war weniger das Triumphale als das Brüchige: die Frage, wie eine Zivilisation, die Jahrhunderte lang die Meere beherrschte, nun still im Wasser stand und sich selbst überlebte.

Was würde Goethe sagen, wenn er heute, im 21. Jahrhundert, aus dem Zug in Santa Lucia träte? Man darf spekulieren. Die Naturphänomene, die ihn begeisterten – das Licht, die Lagune, die Stille frühmorgens – sind noch da. Er würde das Wasser erkennen und das Licht. Aber er würde auch erschrecken: Die zwanzigtausend Tagestouristen auf dem Markusplatz, die Kreuzfahrtschiffe, die jahrelang wie schwimmende Wohnblöcke die Silhouette der Stadt überragten (inzwischen aus dem Hafenbecken verbannt, aber nicht vergessen), die leerstehenden Erdgeschosse, die gekippten in Souvenirläden – das wäre ihm ein Rätsel gewesen. Er hätte wohl gefragt, ob diese Stadt noch für ihre Bewohner da sei, oder nur noch für ihre Besucher.

Und doch – man darf das nicht vergessen – ist Goethe nach Venedig gereist wie wir: als Fremder, als Staunender, als jemand, der die Stadt nicht verstand und sie trotzdem liebte. Er war selbst ein Tourist, lange bevor das Wort existierte. Diese Ehrlichkeit schulden wir uns: Wer Venedig besucht und die Massen beklagt, beklagt letztlich sich selbst. Die Antwort darauf ist nicht, die Stadt zu meiden – sondern sie langsamer zu bereisen. Früher aufzustehen. Später zu essen. Tiefer in die Sestieri einzutauchen.

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