VERONA
Verona ist eine der am dichtesten besiedelten Schichten von Geschichte, die Norditalien zu bieten hat. Gegründet als römische Kolonie im ersten Jahrhundert vor Christus, wurde die Stadt in den folgenden Jahrhunderten von Ostgoten, Langobarden, dem Heiligen Römischen Reich, der Scaligeri-Dynastie und schliesslich der Republik Venedig regiert – jede Macht hinterliess ihre Spur im Stadtbild, und das Erstaunliche ist: Die Spuren widersprechen sich nicht. Sie liegen übereinander wie Schichten in einem Gestein, sichtbar und lesbar für jeden, der sich Zeit nimmt, genau zu schauen.
Das Herz der Stadt schlägt auf zwei Plätzen, die durch ein kurzes Gassenlabyrinth verbunden sind. Die Piazza Brà ist der grosse, luftige Eingangsplatz – weit, von einer langen Cafézeile gesäumt, die man Liston nennt, und dominiert von der Arena. Die Piazza delle Erbe, nur fünf Minuten entfernt, ist das genaue Gegenteil: eng, umschlossen, bunt. Hier stand einst das römische Forum; heute ist es ein Marktplatz mit Sonnenschirmen, Gemüsehändlern, Souvenirständen und, wenn man über die Dächer der Schirme schaut, einer Kulisse aus gotischen Türmen, venezianischen Loggien und mittelalterlichen Palazzi, die aussieht wie eine Bühnenkulisse – und die echt ist.
Von der Piazza delle Erbe führt ein Durchgang in die Piazza dei Signori, stiller und ernster: der politische Kern des mittelalterlichen Verona, umgeben von der Loggia del Consiglio, dem Palazzo degli Scaligeri und einem Denkmal Dantes, der hier eine Zeit lang im Exil lebte und die Gastfreundschaft der Scaligeri-Familie in seiner Göttlichen Komödie verewigt hat. Wenige Meter weiter, in einem kleinen Hof, stehen die Arche Scaligere: die Grabmäler der Scaligeri-Herren, gotische Baldachingräber aus dem 14. Jahrhundert, deren filigrane Steinarbeit so vollständig erhalten ist, dass man unwillkürlich die Hand ausstreckt, um zu prüfen, ob der Stein wirklich so alt ist, wie er aussieht.
Ein Abend in der Arena
Es ist zwanzig Minuten vor dem Ende der zweiten Akte, und über Verona ist es dunkel geworden. Ich sitze auf einer Steinbank im obersten Ring der Arena, das antike Gemäuer im Rücken, und vor mir – tief unten auf der Bühne – spielt sich Aida ab. Nicht Aida in einem Opernhaus mit rotem Samtvorhang und klimatisierten Logen, sondern Aida unter freiem Himmel, in einem zweitausend Jahre alten Amphitheater, das noch immer so vollständig und so sicher ist wie ein Gebäude, das man letztes Jahr errichtet hat. Die Bühne ist gross genug für dreissig Pferde. Die Kulissen sind historische Gebäude. Und um mich herum sitzen Menschen aus zwanzig Ländern, Seite an Seite auf den gleichen Steinstufen, auf denen einst die Römer sassen – und keiner spricht, während die Sopranistin singt.
In diesem Moment begreift man etwas über Verona, das kein Reiseführer ganz ausdrücken kann: Diese Stadt ist kein Museum. Sie ist ein lebendiger Ort, der seine Geschichte nicht konserviert, sondern benutzt. Die Arena wird bespielt. Die mittelalterlichen Piazze werden belebt. Die alten Brücken tragen täglich Tausende von Schritten. Verona hat kein schlechtes Gewissen vor seiner Vergangenheit. Es lebt einfach darin.
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Zwei Jahrtausende in einem Spatziergang
Verona ist eine der am dichtesten besiedelten Schichten von Geschichte, die Norditalien zu bieten hat. Gegründet als römische Kolonie im ersten Jahrhundert vor Christus, wurde die Stadt in den folgenden Jahrhunderten von Ostgoten, Langobarden, dem Heiligen Römischen Reich, der Scaligeri-Dynastie und schliesslich der Republik Venedig regiert – jede Macht hinterliess ihre Spur im Stadtbild, und das Erstaunliche ist: Die Spuren widersprechen sich nicht. Sie liegen übereinander wie Schichten in einem Gestein, sichtbar und lesbar für jeden, der sich Zeit nimmt, genau zu schauen.
Das Herz der Stadt schlägt auf zwei Plätzen, die durch ein kurzes Gassenlabyrinth verbunden sind. Die Piazza Brà ist der grosse, luftige Eingangsplatz – weit, von einer langen Cafézeile gesäumt, die man Liston nennt, und dominiert von der Arena. Die Piazza delle Erbe, nur fünf Minuten entfernt, ist das genaue Gegenteil: eng, umschlossen, bunt. Hier stand einst das römische Forum; heute ist es ein Marktplatz mit Sonnenschirmen, Gemüsehändlern, Souvenirständen und, wenn man über die Dächer der Schirme schaut, einer Kulisse aus gotischen Türmen, venezianischen Loggien und mittelalterlichen Palazzi, die aussieht wie eine Bühnenkulisse – und die echt ist.
Von der Piazza delle Erbe führt ein Durchgang in die Piazza dei Signori, stiller und ernster: der politische Kern des mittelalterlichen Verona, umgeben von der Loggia del Consiglio, dem Palazzo degli Scaligeri und einem Denkmal Dantes, der hier eine Zeit lang im Exil lebte und die Gastfreundschaft der Scaligeri-Familie in seiner Göttlichen Komödie verewigt hat. Wenige Meter weiter, in einem kleinen Hof, stehen die Arche Scaligere: die Grabmäler der Scaligeri-Herren, gotische Baldachingräber aus dem 14. Jahrhundert, deren filigrane Steinarbeit so vollständig erhalten ist, dass man unwillkürlich die Hand ausstreckt, um zu prüfen, ob der Stein wirklich so alt ist, wie er aussieht.
Die Arena – Kolosseum des Nordens
Die Arena di Verona wurde in der Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus erbaut – damit ist sie tatsächlich älter als das Kolosseum in Rom, von dem sie sich nur in der Grösse unterscheidet: Sie fasst etwa 30.000 Zuschauer und ist damit das drittgrösste Amphitheater der Antike, nach dem Kolosseum und dem Amphitheater von Capua. Während das Kolosseum heute eine Ruine ist, ist die Arena von Verona fast vollständig erhalten. Ihre elliptischen Gänge, die Stufenanlagen, die Kammern unter der Bühne – man kann sich durch das gesamte Bauwerk bewegen und hat das Gefühl, in einem funktionierenden Gebäude zu stehen, nicht in einer Ausgrabungsstätte.
Für etwa 400 Jahre war die Arena Schauplatz von Gladiatorenkämpfen und Tierhetzen, die man Venationes nannte. Dann, im Jahr 404 nach Christus, verbot Kaiser Honorius die Gladiatorenspiele, und das Gebäude stand leer. Erdbeben im 12. Jahrhundert zerstörten den äusseren Mauerring fast vollständig; die vier verbliebenen Bögen des Ala – wie die Aussenmauer genannt wird – stehen heute wie ein Torso am Rand des Platzes, ein Fragment, das auf das Ganze verweist. Der innere Ring aber, die eigentliche Stufenanlage, ist nahezu intakt.
Seit 1913 findet in der Arena jeden Sommer ein Opernfestival statt, das zu den bedeutendsten der Welt gehört. Die erste Produktion war Aida, zum Anlass des hundertjährigen Geburtstags von Giuseppe Verdi – und Aida ist geblieben, zuverlässig im Spielplan, Sommer für Sommer. Dass eine Bühne mit dieser Akustik und dieser Atmosphäre Weltklasse-Sängerinnen und -Sänger anzieht, versteht sich von selbst: Maria Callas sang hier, Luciano Pavarotti, Placido Domingo. Die Stimmung, wenn kurz vor Beginn die Kerzen der Zuschauer entzündet werden und das Amphitheater in ein flackerndes Lichtmeer taucht, ist von einer Art, die man nicht mit einer anderen Konzerterfahrung vergleichen kann.


















