Freud Wanderweg auf dem Ritten

EIN RÜCKZUG AUF DEM RITTEN

Ich bin wieder auf dem Ritten. Schon die Auffahrt hinauf hat dieses vertraute Gefühl ausgelöst, als würde ich an einen Ort zurückkehren, der mich längst kennt. Die Luft ist klarer hier oben, die Gedanken werden weiter, und irgendwo zwischen den Bäumen blitzt bereits der Wolfsgrubner See auf.

Im Weihrerhof wartet eine Zeit, die langsamer vergeht, stiller, bewusster. Ich freue mich auf die frühen Morgenstunden, auf das erste Licht über dem Wasser, auf diese besondere Ruhe, die man nicht planen kann.

Doch diesmal ist es anders. Ich bin nicht nur hier, um zu verweilen.

Seit Jahren nehme ich mir vor, den Freud-Weg zu gehen – diesen stillen Pfad zwischen Oberbozen und Klobenstein, der mehr ist als eine Wanderung. Zum 20-jährigen Jubiläum scheint mir der Moment gekommen, dieses Versprechen endlich einzulösen. Vielleicht ist es genau die richtige Zeit, sich auf einen Weg zu begeben, der nicht nur durch Landschaft führt, sondern auch durch Gedanken.

AM ANDEREN MORGEN IN DER FRÜH

Der See liegt still, als hätte er die Nacht noch nicht ganz freigegeben. Ich wache früh auf, lange bevor Stimmen durch die Flure des Weihrerhofs dringen, bevor Geschirr leise aufeinandertifft, bevor der Tag sich erklärt. Ein matter Streifen Licht liegt über dem Wolfsgrubner See, und für einen Moment ist nicht zu sagen, ob ich bereits wach bin oder mich noch im letzten Bild eines Traumes bewege.

Ich öffne das Fenster. Die Luft ist kühl, fast zurückhaltend, und trägt den Duft von Holz, Wasser und einem Hauch feuchter Erde. Es ist diese Stunde, in der Orte ihr Innerstes zeigen, unberührt von Erwartungen. Der Ritten wirkt dann nicht wie eine Destination, sondern wie ein Zustand.

Ich trete hinaus, gehe den schmalen Weg hinunter zum Steg. Das Holz ist noch kühl unter meinen Füßen, und ich spüre mit jedem Schritt eine wachsende Klarheit. Dann gleite ich in das Wasser. Kein Geräusch außer dem leichten Aufbrechen der Oberfläche, keine Bewegung außer dem eigenen Atem. Das Wasser ist frisch, aber nicht abweisend – eher wie eine Einladung, sich einzulassen.

Es ist eines jener Bäder, die weniger Reinigung als Vergewisserung sind. Dass der Körper da ist. Dass die Welt trägt. Dass ich angekommen bin – nicht nur an einem Ort, sondern in einem Moment.

Als ich wieder aus dem Wasser steige, liegt ein feiner Schleier aus Licht über dem See. Die Insel ist jetzt sichtbar, ruhig, beinahe entrückt. Wenig später sitze ich dort beim Frühstück. Brot, noch warm, eine Marmelade, die nach reifen Früchten schmeckt, und Kaffee, der langsam die Gedanken ordnet. Ich nehme mir Zeit. Vielleicht mehr, als ich es sonst tue.

Das Wasser wird heller, beinahe silbern. Die ersten Stimmen erreichen die Terrasse, gedämpft, als würden sie die Stille nicht ganz stören wollen. Hinter den Bäumen kündigt sich die Sonne an – zunächst zögernd, dann mit jener Entschlossenheit, die man in den Bergen kennt. Der Ritten ist ein Hochplateau, doch auch hier kann der Tag streng werden, unerbittlich klar.

BEVOR DIE HITZE KOMMT

Die Freud-Promenade beginnt unspektakulär, fast beiläufig, oberhalb von Oberbozen. Ein Einstieg ohne Pathos, ohne Inszenierung. Weg Nr. 35 – eine nüchterne Bezeichnung für einen Pfad, der heute eine andere Tiefe trägt. Ich denke an das Jahr 1911, als Sigmund Freud hier seinen Sommer verbrachte. Mit Martha, seinen sechs Kindern, seiner Schwägerin Minna. Ein Familienaufenthalt, könnte man sagen – und doch war es mehr.

In Klobenstein, im damaligen Hotel Bemelmans-Post, feierte er am 14. September seine Silberhochzeit. Gleichzeitig arbeitete er an „Totem und Tabu“, einem seiner zentralen Werke, und führte den intensiven Briefwechsel mit Carl Gustav Jung fort. Es war eine Zeit der Verdichtung – persönlich, intellektuell, beinahe schicksalhaft.

Ich gehe langsam. Dieser Weg verlangt nichts, und gerade darin liegt seine Qualität. Er führt nicht, er begleitet. Einzelne Häuser liegen verstreut zwischen Wiesen, als hätten sie sich bewusst für Abstand entschieden. Holundersträucher tragen dunkle, schwere Beeren, Himbeeren leuchten am Wegesrand, und irgendwo liegt der süße Duft von reifen Marillen in der Luft.

Immer wieder öffnet sich der Blick: der Schlern, ruhig und präsent, der Rosengarten mit seinen schroffen Linien. Ich erkenne die Santnerspitze, die Euringerspitze – Namen, die mehr sind als geografische Markierungen. Sie wirken wie Fixpunkte in einer Landschaft, die sich sonst ständig verändert: im Licht, in der Wahrnehmung, im eigenen Inneren.

Seit 2006 trägt dieser Weg Freuds Namen, gewidmet anlässlich seines 150. Geburtstages. Es ist der einzige Weg weltweit, der ihm gewidmet ist. Eine stille Form der Erinnerung. Keine Statue, kein Denkmal – sondern ein Weg, der gegangen werden will.

Dreizehn Sitzbänke stehen entlang der Strecke, gestaltet von den Architekten David und Verena Messner, jede versehen mit einem Aphorismus aus Freuds Schriften. Ich bleibe an einer stehen. Ich lese nicht sofort. Ich setze mich.

Das Holz ist inzwischen warm geworden. Die Bank steht leicht erhöht, mit Blick in die Weite. Es ist ein Ort, der nicht nur zum Ausruhen gedacht ist, sondern zum Innehalten. Freud verstand das Unbewusste als etwas, das sich nicht direkt greifen lässt, sondern in Andeutungen erscheint – in Träumen, in Verschiebungen, in scheinbar beiläufigen Gedanken.

Hier, auf dieser Bank, wird dieser Gedanke konkret. Ich merke, wie sich die Wahrnehmung verändert, wenn man nichts mehr erreichen will. Der Blick wird weiter, die Gedanken leiser, und irgendwo zwischen Landschaft und Erinnerung entsteht ein Raum, der schwer zu benennen ist.

Ich gehe weiter, durch ein kurzes Waldstück. Das Licht wird gedämpft, der Boden weicher, die Geräusche verändern sich. Schritte klingen anders im Wald. Nach wenigen Minuten öffnet sich der Weg wieder, und mit ihm der Blick.

In Lichtenstern wird das Panorama weit, fast überdeutlich, als wolle es sich einprägen. Ich bleibe stehen, nicht aus Müdigkeit, sondern aus einer Art stiller Zustimmung. Ich denke an Freuds Worte: „Göttlich, schöner Ritten!“ – ein Ausruf, der nichts erklärt und gerade deshalb alles sagt.

Als ich Klobenstein erreiche, ist es später Vormittag. Mehr Menschen sind unterwegs, Stimmen, Bewegung, das Klirren von Gläsern. Es ist die andere Seite dieses Ortes, lebendig, zugänglich. Ich setze mich kurz, trinke etwas, beobachte. Es fällt leicht, hier zu bleiben.

Und doch liegt der eigentliche Wert dieses Weges nicht im Ankommen, sondern im Zurückgehen. Im Wiederholen. Im erneuten Sehen dessen, was man beim ersten Mal nur gestreift hat.

Der Rückweg verläuft entlang derselben Strecke, und doch ist er ein anderer. Das Licht ist härter geworden, die Schatten kürzer, die Konturen schärfer. Was am Morgen weich und offen war, zeigt jetzt Struktur. Auch das gehört dazu.

Als ich am Nachmittag wieder Richtung Weihrerhof gehe, hat die Sonne ihre ganze Kraft entfaltet. Der See liegt jetzt hell und fast unnahbar da, ein Spiegel ohne Tiefe. Und doch weiß ich, dass sich dieses Bild wieder verändern wird.

Am Abend wird das Licht zurückkehren, weicher werden, die Kanten lösen. Und morgen früh, noch bevor der Tag beginnt, wird der See wieder still sein, als hätte er die Nacht nie verlassen.Vielleicht ist das die eigentliche Bewegung dieses Ortes: nicht von Oberbozen nach Klobenstein, sondern von außen nach innen und wieder zurück. Ein Weg, der nicht nur durch Landschaft führt, sondern durch Schichten der Wahrnehmung – und durch jene leisen Räume, in denen sich Denken und Empfinden begegnen.

"Zwischen Wasser und Gedanken liegt ein Zustand, den man nicht festhalten kann – nur betreten, für einen Augenblick, bevor er wieder verschwindet."
  — Enzo Destino —

Bildnachweis - von oben nach unten - von links nach rechts
besten Dank an IDM Südtirol - Hotel Weihrerhof - IDM Südtirol

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