EIN PALAZZO, DER SICH DUCKT
Man findet das Museum fast durch Zufall. Man geht die Fondamenta Venier dei Leoni entlang, das Wasser zur Rechten, alte Mauern zur Linken, und plötzlich ist da ein breites weisses Tor und dahinter: ein Garten, Skulpturen im Grünen, und ein Gebäude, das sich so tief duckt, dass es von der anderen Seite des Canal Grande kaum zu sehen ist. Der Palazzo Venier dei Leoni ist das flachste Haus am Canal Grande – ein einziges Stockwerk, Istrien-Stein, unvollendet seit dem 18. Jahrhundert. Die Venezianer nannten ihn il palazzo nonfinito, den unvollendeten Palazzo. Peggy Guggenheim liebte ihn genau deswegen.
Sie kaufte ihn 1949, liess ihn so wie er war und verwandelte ihn in etwas, das Venedig bis dahin nicht kannte: ein lebendiges, bewohntes Museum der Moderne, geöffnet für die Öffentlichkeit, gelegen direkt am Canal Grande zwischen der Accademia-Brücke und der Kirche Santa Maria della Salute. An schönen Nachmittagen sass sie auf der Kanalterrasse, die Sonnenbrille der Avantgarde – ihre legendären, gerahmten Schmetterlingsgestelle, entworfen von Edward Melcarth – auf der Nase, und beobachtete den Vaporetto-Verkehr. Der Canal Grande gehörte ihr. Oder sie gehörte ihm.
PEGGY GUGGENHEIM – EINE FRAU GEGEN DIE ZEIT
Um das Museum zu verstehen, muss man die Frau verstehen. Marguerite Guggenheim wurde 1898 in New York als Tochter einer der reichsten jüdischen Familien Amerikas geboren. Ihr Vater Benjamin Guggenheim kam 1912 auf der Titanic ums Leben – er überliess seinen Platz im Rettungsboot anderen und ertrank. Peggy, dreizehnjährig, erbte sein Vermögen, aber nicht seinen Status: Sie war Erbin, aber keine Aristokratin; Jüdin, aber keine Orthodoxe; Amerikanerin, aber keine Patriotin. Sie war von Anfang an zwischen allen Welten.
Paris der 1920er Jahre formte sie. Sie eröffnete dort eine Galerie, kaufte Kunst nach dem Prinzip, das ihr Marcel Duchamp beibrachte: nicht für Prestige, nicht nach Mode, sondern nach eigenem Gespür. Sie war entschlossen, täglich ein Gemälde zu kaufen – und sie hielt sich daran. In den Pariser Jahren begegnete sie Picasso, Brancusi, Kandinsky, Max Ernst – den sie heiratete und sich von ihm scheiden liess –, und einem jungen amerikanischen Maler namens Jackson Pollock, dem sie eine der ersten Einzelausstellungen seiner Karriere gab, als noch niemand auf ihn gesetzt hätte.
1940, zwei Tage bevor die Nazis in Paris einmarschierten, floh Peggy mit ihren Kunstwerken in Koffern aus der Stadt. Was manch anderer als Hysterie betrachtete, war Weitblick: Sie rettete nicht sich selbst, sondern ein Jahrhundert Kunst. 1948 kam sie nach Venedig, zunächst für die Biennale, dann für immer. Sie blieb dreissig Jahre.
"Ich habe mein Leben damit verbracht, für die Kunst zu leben
und mit den Künstlern zu leben."
— Peggy Guggenheim —
DIE SAMMLUNG – EIN JAHRHUNDERT IN EINEM HAUS
Wer durch die Räume des Palazzo geht, geht durch das 20. Jahrhundert. Nicht chronologisch, nicht akademisch – sondern so, wie eine kluge, leidenschaftliche Frau ihre Welt angeordnet hat: intuitiv, persönlich, manchmal überraschend. Picassos kubistische Frauenfiguren hängen neben Max Ernsts surrealen Traumlandschaften; Kandinskys farbexplosive Abstraktionen stehen im Dialog mit Mondrians strengen Gittern; in einem anderen Raum hängt Jackson Pollocks Alchemy von 1947 – ein grossformatiges Drip-Painting, das wie ein eingefrorener Gedankenfluss aussieht, und das Peggy als erste erkannte, bevor die Kunstwelt Pollock überhaupt kannte.
Die Bandbreite ist aussergewöhnlich: Kubismus, Surrealismus, Futurismus, Abstrakter Expressionismus, kinetische Kunst, Konstruktivismus. Über 200 Künstlerinnen und Künstler sind vertreten. Was die Sammlung von anderen Museen dieser Grössenordnung unterscheidet, ist ihre Dichte an Meisterwerken: Dalís Geburt der Flüssigen Wünsche, Magrittes Imperium des Lichts – jenes Bild, das tagsüber Häuser und Bäume zeigt, aber mit einem Nachthimmel darüber, eine Unmöglichkeit, die man sofort glaubt –, Braques Häuser in l'Estaque, Mirós Netzwerk aus Linien und Farbflecken. Jedes Zimmer ein Gespräch zwischen Werken, die sich kennen – weil sie alle durch dieselben Hände gingen.
Besonders berührend sind die Räume, in denen man noch die persönliche Atmosphäre des Wohnhauses spürt. In Peggys früherem Schlafzimmer hängt ein silbernes Bett, entworfen von Alexander Calder – ein Kunstwerk als Möbel, ein Möbel als Kunstwerk. An den Wänden Fotografien der Räume, wie sie zu Peggys Lebzeiten aussahen: Gemälde in Reih und Glied, Bücher auf dem Boden, Hunde überall. Sie hatte eine Vorliebe für Lhasa Apso Hunde; vierzehn von ihnen sind im Garten neben ihr begraben.
DER NASHER SCULPTURE GARDEN – KUNST UNTER FREIEM HIMMEL
Der Garten ist das Herzstück des Museums und einer der schönsten Freiluft-Ausstellungsräume Europas. Alte Bäume spenden Schatten über Kieswegen, auf denen Skulpturen stehen wie zufällig – als hätten sie sich hier niedergelassen und wären geblieben. Henry Moores bronzene Three Standing Figures, Giacomettis schlanke, rastlose Menschenfiguren, Anish Kapoors spiegelnde Oberflächen, David Hares phantastische, aus dem Nichts zu wachsen scheinende Formen. Man sitzt auf einer der Holzbänke, das Laub über sich, eine Skulptur im Blickfeld, und vergisst für eine Weile, dass man in einer der meistbesuchten Städte der Welt sitzt.
An der Kanalterrasse, direkt am Wasser, steht Marino Marinis Der Engel der Stadt von 1948 – eine Bronzefigur auf einem Pferd, aufrecht und lebensbejahend, mit dem Blick auf den Canal Grande. Es ist eine der bekanntesten Skulpturen des Museums und hat eine charmante Geschichte: Peggy liess die Skulptur so aufstellen, dass sie vom Wasser aus gut zu sehen war, und genoss es, die Reaktionen der vorbeifahrenden Gondolieri zu beobachten. Marino Marini schuf die Figur als Symbol menschlicher Lebensfreude – und Peggy verstand das sofort.
Im Garten befindet sich auch Peggys eigene letzte Ruhestätte: eine schlichte Steinplatte mit ihrer Inschrift – Hier ruht Peggy Guggenheim 1898–1979 – umgeben von den Grabsteinen ihrer Lhasa Apsos. Es ist einer der seltensten Momente in einem Museum: ein Ort, an dem die Sammlerin selbst Teil der Sammlung geworden ist. Man tritt kurz inne, fast unwillkürlich.
PEGGY UND VENEDIG – EINE WAHLVERWANDTSCHAFT
Warum Venedig? Die Frage stellt sich, wenn man über Peggy Guggenheims Lebensweg nachdenkt: New York, London, Paris, Florenz – Städte der Avantgarde, der Galerien, der intellektuellen Auseinandersetzung. Venedig war keines davon. Venedig war, als Peggy ankam, eine müde Stadt nach dem Krieg, abgeschnitten vom europäischen Kunstbetrieb, mit einem kulturellen Leben, das sich mehr auf seine Vergangenheit als auf seine Gegenwart stützte.
Genau das, so scheint es, suchte sie. In Paris hatte sie für die Avantgarde gekämpft und gewonnen; in New York war sie Teil einer Bewegung gewesen, die gerade die Welt umkrempelte. Venedig bot ihr etwas anderes: Stille, Schönheit, Beständigkeit. Und einen Ort, an dem sie nicht mehr ankämpfen musste, sondern einfach zeigen durfte, was sie gesammelt hatte. Sie öffnete den Palazzo 1951 erstmals für die Öffentlichkeit – saisonal, informell, fast privat. Die Menschen kamen. Sie kamen, um die Bilder zu sehen, aber auch, um sie zu sehen: die Frau hinter der Sammlung, auf ihrer Terrasse, in ihrem Garten.
Peggy Guggenheim hat Venedig verändert. Nicht spektakulär, nicht durch Umbauten oder Institutionen, sondern durch die Qualität ihrer Anwesenheit. Sie unterstützte junge venezianische Künstler, als diese nach dem Krieg kaum beachtet wurden; sie sorgte dafür, dass die Futuristen – deren Werk durch die Vereinnahmung durch den Faschismus in Misskredit geraten war – wieder ernst genommen wurden. Sie war, wie ein venezianischer Kunstkritiker nach ihrem Tod schrieb, die beste Botschafterin, die die moderne Kunst je in dieser Stadt hatte.
DAS MUSEUM HEUTE – EIN BESUCH IN FÜNF STIMMUNGEN
Man betritt das Guggenheim und denkt: klein. Im Vergleich zu den Uffizien, dem Louvre, der Accademia ist dieser Palazzo eine Insel der Übersichtlichkeit. Etwa zwanzig Räume, ein Garten, eine Terrasse. Man kann das Museum in zwei Stunden gründlich besichtigen – und das ist eine seiner grossen Stärken. Es gibt keine Erschöpfung, kein Gefühl, an der Menge des Unvermissbaren zu scheitern. Man kann sich Zeit lassen. Man kann zurückgehen.
Der Besuch hat fünf Stimmungen, die man alle kennenlernen sollte: die Kühle der Innenräume am Morgen, wenn die Galerie fast leer ist und das Licht durch die Canal-Grande-Fenster fällt; die Wärme des Gartens am späten Vormittag, wenn die Skulpturen im Schatten stehen und auf den Bänken die ersten Besucher sitzen und lesen; die Stille der Kanalterrasse, wo der Engel der Stadt auf das Wasser schaut; die Intimität der ehemaligen Wohnräume, in denen Fotos und persönliche Objekte noch von Peggys Leben erzählen; und schliesslich der Blick zurück beim Verlassen, durch das grosse weisse Tor, auf einen Palazzo, der sich noch immer duckt, als wollte er nicht auffallen – und der doch zu den bedeutendsten Kulturorten Europas gehört.
Die Dauersammlung wird durch wechselnde Sonderausstellungen ergänzt – häufig monographische Schauen grosser Künstlerinnen und Künstler des 20. Jahrhunderts oder thematische Installationen in Dialog mit der Sammlung. Wer regelmässig nach Venedig reist, wird die Sammlung kennen und trotzdem wiederkommen: für die Sonderausstellungen, für den Garten, für das Gefühl, in einem Haus zu sein, das noch immer von seiner Bewohnerin erzählt.
FÜR WEN DAS GUGGENHEIM EIN VERSPRECHEN IST
Das Guggenheim ist das Museum für alle, die moderne Kunst lieben und zugleich Geschichten lieben – Lebensgeschichten, Kunstgeschichten, Stadtgeschichten. Es ist das Museum für Menschen, die nicht nur sehen wollen, was in einem Rahmen hängt, sondern wer es dorthin gebracht hat und warum. Es ist das Museum für Reisende, die Venedig nicht nur als Kulisse, sondern als lebendigen Ort erleben möchten: Dorsoduro ist das ehrlichste Viertel der Stadt, und das Guggenheim ist sein Herz.
Paare, die sich gemeinsam von Kunst berühren lassen, werden in diesem Haus einen langen, stillen Vor- oder Nachmittag verbringen und am Ende mehr über sich selbst wissen als vorher – das passiert manchmal, in den besten Museen. Kulturinteressierte Reisende, die das 20. Jahrhundert in seiner Breite und Widersprüchlichkeit verstehen möchten, werden in diesen zwanzig Räumen mehr lernen als in manchem Lehrbuch. Und alle, die irgendwann das Gefühl hatten, Moderne Kunst sei kalt und unzugänglich, werden hier feststellen: Sie ist es nicht. Sie ist es nur dann, wenn niemand da ist, der sie mit Leidenschaft ausgewählt hat. In diesem Palazzo hat das jemand getan. Man spürt es in jedem Zimmer.
"Es gibt Sammlungen, die von Sachverstand zeugen. Und es gibt Sammlungen, die von Liebe zeugen. Diese hier ist beides."
— Enzo Destino —
Bildnachweis - von oben nach unten - von links nach rechts
besten Dank an das Peggy Guggenheim Collection © Matteo de Fina












