Der Berg, der zurück blickt 

Ein Reisebericht vom Mont Ventoux – von Vincent van Gogh

Der Wind am Mont Ventoux spricht nicht. Er malt.

Er fährt einem nicht bloß durch die Haare, sondern direkt durch die Nerven – so wie damals in der Provence, als ich die niedrigen Berge bei Saint-Rémy sah und sie vor meinen Augen zu wogenden, blauen Wellen wurden. Die Landschaft war für mich nie Hintergrund. Sie war immer ein Charakter: unruhig, gläubig, manchmal verzweifelt. Wie ich selbst.

Petrarca stieg diesen Berg hinauf, getrieben von Neugier, ein gläubiger Bruder im Geist, der die Welt nicht mehr nur als Bühne Gottes, sondern als Raum für den eigenen Blick entdecken wollte. Er wollte sehen, wie weit die Augen reichen. Ich würde hinaufsteigen, um zu prüfen, wie weit das Herz es noch aushält. Er nahm ein Buch des Augustinus mit. Ich nähme einen Kasten voll Farben. Und doch suchen wir beide dasselbe: eine Stelle im Raum, an der die äußere Weite endlich die innere Enge aufsprengt.

Von Malaucène geht es hinauf, Serpentine um Serpentine. Der Wagen schaltet schwer, die Luft wird dünner, das Grün spärlicher. Zuerst die üppige Mittelmeer-Vegetation: warmes Grün, Oliven, hier und da ein Weinberg. Ich würde sie in kurzen, gebrochenen Pinselstrichen setzen – Grün neben Gelbgrün, dazwischen kleine Splitter von Orange, um die Hitze der Sonne spürbar zu machen. Keine Illustration, eine Empfindung.

Dann wird der Hang karger. Die Bäume verkrümmen sich gegen den Wind wie gebeugte Bauern. Der Boden beginnt zu leuchten: dieses fahle, kalkige Weiß, das das Licht fast brutal zurückwirft. Hier käme die dicke Farbe ins Spiel. Strenge, schräge Striche aus Bleiweiß, mit etwas Ocker und einem kalten Blau gemischt, so dass die Geröllfelder nicht glatt liegen, sondern flimmern und knirschen.

Oben, wo der Berg zur Steinwüste wird und der Wind einem den Atem wegnimmt, würde ich die Linien brechen lassen. Keine ruhige Horizontale mehr, sondern Zacken, die in den Himmel greifen, als wollte der Berg selbst ein Gebet formulieren, das ihm niemand beigebracht hat. Die Provence zu Füßen – die breite, fließende Linie der Rhône, das gedämpfte Band des Mittelmeers – läge darunter wie ein ausgebreitetes Tuch in Blauviolett und fernen Rosatönen.

Petrarca berichtet, wie er in den Tälern zögert, Umwege geht, sich vor dem steileren Weg drückt. Und dann merkt er: Kein Körper gelangt durch Absteigen in die Höhe. Ich kenne diesen Irrweg nur zu gut. Jahrelang bin ich durch Städte gestreift, durch Predigten, durch die Armut in den Kohlerevieren – bevor ich begrif, dass man nicht ewig im Tal der Erklärungen bleiben kann, wenn man das Licht wirklich sehen will.


Die dritte Dimension

Was manche die „dritte Dimension" nennen – dieser neue Blick auf Raum und Natur – ist für einen Maler der Moment, in dem die Landschaft aufhört, Kulisse zu sein, und anfängt, Antwort zu geben. Petrarca schaut vom Gipfel auf Wolken unter seinen Füßen und denkt an die Alpen, an die Pyrenäen, an Krieg und Heimat. Dann schlägt ihm Augustinus entgegen: Die Menschen bewundern Berge, Meere und Sterne – und vergessen sich selbst.

Ich hätte an dieser Stelle nicht das Buch zugeschlagen. Ich hätte die Farbe noch dicker aufgetragen. Der Berg ist keine Flucht vor sich selbst. Er ist ein Spiegel.

Würde ich den Ventoux malen, ich würde nicht damit beginnen, seine Höhe zu studieren. Ich würde seinen Wind studieren. Der Wind ist hier kein Hintergrundgeräusch, er ist der eigentliche Held. Ich kenne diesen schneidenden Zug, der an den Hügeln der Provence zerrt, der die Zypressen zu schwarzen Flammen macht und das Korn in gelbe Wellen verwandelt.

Auf der Leinwand wäre der Himmel kein leeres Blau. Er wäre ein Strudel aus langen, nach einer Richtung gezogenen Strichen – Hellblau, Türkis, dazwischen gebrochene Weißspuren – so dass man sieht: Die Luft hat eine Richtung, sie drückt, sie jagt. Der Horizont wäre schief, ein wenig übertrieben, als hätte der Wind selbst an der Leinwand gezogen.

Der Körper des Berges wäre in drei Zonen gegliedert: unten das lebendige Grün der Provence, vibrierend, von einfachem, intensivem Farbkontrast. In der Mitte der Übergang – gebrochene Violett- und Blautöne, in denen sich Schatten und Höhe mischen. Ganz oben das Kalkweiß, fast blendend, mit kurzen, senkrecht gesetzten Strichen, wie ein struppiger Kopf aus Stein.

Kein realistisches Panorama. Eine Verdichtung. Der Berg würde sich etwas nach vorne neigen, wie ein Mensch im Sturm. Die Perspektive dürfte ruhig „falsch" sein – so wie im Schlafzimmer von Arles, wo schiefe Linien die Unruhe des Raumes spürbar machen. Wichtig ist, dass der Betrachter die Anstrengung des Aufstiegs mit seinem eigenen Körper fühlt.


In hundert Jahren

Ich stelle mir vor, wie es in hundert Jahren aussehen wird: Reisende, die mit dem Auto hinauffahren und oben ein kleines Gerät aus dem Wagen ziehen, um Musik zu hören oder Nachrichten zu empfangen, während die Alpen in der Ferne wie blaue Sägezähne auftauchen und der Schatten des Berges langsam über die Provence wandert. Ich bin kein Feind der Zukunft. Aber ich weiß, dass jede Landschaft einen Preis verlangt: Aufmerksamkeit. Die „dritte Dimension" gibt sich nicht denen preis, die oben nur den Empfang prüfen.

Um den Ventoux wirklich zu sehen, müsste man sich setzen. Den Wind annehmen. Den eigenen Lärm langsam auslaufen lassen – so wie die Farbe auf der Palette, wenn sie endlich den richtigen Ton gefunden hat.

Petrarca schwieg beim Abstieg, nachdem er den Satz gelesen hatte, dass Menschen Berge und Meere bewundern und sich selbst vergessen. Ich hätte vermutlich weitergeredet – in Farben. Aber auch meine Sprache zielt auf dasselbe: dass der Betrachter vor einem Bild für einen Moment stillwird, weil er erkennt, dass der Berg vor ihm nicht der Ventoux ist.

Sondern seine eigene innere Steigung.

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Epilog

Wenn Du also eines Tages am Fuß des „ Mont Pelé" stehst, wie die Bauern ihn nennen, und der Wind zerrt an Deiner Jacke – versuche einmal, mit den Augen eines Malers zu sehen. Frage Dich nicht zuerst, wie hoch der Gipfel ist. Frage Dich, welche Farbe die Müdigkeit Deiner Beine hätte. Welche Linien die Umwege Deines Lebens beschreiben

𝑬𝒏𝒛𝒐 𝑫𝒆𝒔𝒕𝒊𝒏𝒐

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Brief an Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro (1336)

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