Zwischen Wasser, Licht und Geschichte
Ein Ankommen in Brixen
Manchmal beginnt ein Wochenende nicht mit einem Aufbruch, sondern mit einem Eintauchen. Der Weg dorthin führt durch blühende Apfelhaine und weite Hügellandschaften, über die noch der letzte Schnee der Dolomitengipfel wacht. Im Seehof Nature Retreat, das zwischen Schilf und Spiegelungen verborgen liegt, empfängt uns die Ruhe – und mit ihr Tamaris Auer. Sie ist Gastgeberin mit einer sanften Stimme und dem Gespür dafür, was Gäste wirklich suchen. Zeit. Hier, wo sich das Licht auf der Oberfläche des Natursees bricht, klingt das Thema des Wochenendes bereits an. „Water Light“ ist in Brixen längst mehr als ein Festival, es ist eine Haltung, ein Spiel des Sehens und Wahrnehmens, das Grenzen zwischen Kunst, Natur und Alltag verwischt.
Nach der Ankunft verlangsamt sich der Puls. Das Plätschern des Wassers ersetzt das Rattern der Strasse, die Gedanken werden klarer, als wären sie durch das Grün des Sees gefiltert worden. Am nächsten Morgen führt uns der erste Gang ans Ufer, wo wir nur den Ruf eines Vogels hören. Ein paar Schwimmzüge im natürlichen Wasser, das sich kühl um die Haut legt, und der Tag kann beginnen – erfrischt, offen und gespannt. Beim Frühstück auf der Terrasse – frischer Joghurt, ein Stück Vinschger Paarl, hausgemachte Konfitüren – zeichnet das Sonnenlicht goldene Linien auf die Tischdecke. Ein perfekter Auftakt für eine Entdeckungsreise, die Kunst, Geschichte und Genuss vereint.
Kloster Neustift
Bald darauf satteln wir die Fahrräder. Der Weg führt leicht abfallend durch Obstgärten und Weinberge zum Kloster Neustift, einem der bedeutendsten Klöster Südtirols und zugleich ein lebendiges Zeugnis jahrhundertelanger Kulturpflege. Schon von weitem kündigen sich die barocken Türme an, die von Reben umrahmt sind, die sich an den Hängen entlangziehen. Innerhalb der alten Mauern begrüsst uns kühle Luft, die nach Stein und Geschichte riecht. Hier, wo die Augustiner-Chorherren seit dem 12. Jahrhundert wirken, begegnet man einer geradezu greifbaren Kontinuität, dem Dialog zwischen Glaube, Wissenschaft und Natur. Der kunstvoll geschnitzte Kreuzgang und die Bibliothek mit ihren Fresken und alten Handschriften erzählen von einer Zeit, in der Wissen in Pergamenten ruhte.
Die Führung öffnet Türen zu Räumen, die von Jahrhunderten erzählen: die Stiftskirche mit ihren leuchtenden Deckenmalereien und der Weinkeller mit seinen mächtigen Fässern, in denen heute wieder der berühmte Neustifter Weissburgunder heranreift. Wenn draussen die Sonne hell auf die Dolden der Rebstöcke scheint, versteht man plötzlich, warum dieser Ort so viele Generationen inspiriert hat.
Von Neustift aus rollen wir gemächlich weiter talwärts, vorbei an kleinen Gehöften, die nach Frühling duften, und erreichen schliesslich Brixen. Die Stadt empfängt uns mit einem fast mediterranen Licht: weiche Schatten, kühle Arkaden, Kopfsteinpflaster in den autofreien Zonen und die berühmten Brunnen. In der „Decantei”, einem historischen Restaurant, machen wir Halt. Umgeben von schweren Steinmauern, schlichten Holzverkleidungen und Tischen sowie modernen Glasfronten geniessen wir eine Schale Minestrone und ein Glas Sylvaner – einfach, ehrlich, perfekt.
Pharmazie Museum und Stufels
Gestärkt begeben wir uns auf einen kurzen Stadtspaziergang. Unser Weg führt uns zum Pharmazie-Museum, einem kleinen Juwel nahe der Adlerbrücke am Rande der Altstadt. Kaum sind wir durch die Tür getreten, fühlen wir uns in eine andere Zeit zurückversetzt: schmale Räume voller sorgfältig beschrifteter Flaschen, Mörser aus Messing und in Vitrinen aufbewahrte getrocknete Kräuter. Hier erzählt jede Schublade von einem anderen Jahrhundert des Heilwissens, von Alchemisten und Apothekern, die ihr Handwerk als Wissenschaft verstanden, noch bevor dieser Begriff existierte.
Nach dem Museumsbesuch folgen wir dem Tipp von Erica Keckeis, einer Kennerin der Stadt. Sie schickt uns in das Quartier Stufels, eines der ältesten Viertel Brixens. Hier waren einst das goldene Handwerk und das Färberhandwerk zu Hause. Heute weht hier ein anderer, aber nicht minder kreativer Geist. Zwischen alten Mauern entstehen Ateliers, Designstudios und Manufakturen, die Altes und Neues verbinden. Besonders zieht uns das Arke Pastry Studio an, eine moderne Konditorei, die mit der Schlichtheit eines Ateliers überzeugt: Glas, Beton und pastellfarbene Tartes in geometrischer Präzision. Während wir Cappuccino trinken und an einem Törtchen mit Zitronenverbene und Haselnuss knabbern, blättern wir im Programmheft des Water Light Festivals.
Das diesjährige Thema „Wasser ist Leben – Licht ist Kunst“ verspricht Installationen, die Wasser als lebendiges Medium begreifen – als Speicher von Bewegung, Erinnerung und Licht. Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt werden Gebäude, Brücken und Plätze in nächtliche Bühnen verwandeln. Wir markieren uns die Werke, die wir auf keinen Fall verpassen wollen, denn der Abend soll uns einen ersten Vorgeschmack liefern: ein leuchtendes Versprechen zwischen Spiegelung und Schatten.
Als die Sonne hinter den Bergen versinkt, kehren wir mit unseren Fahrrädern zum Seehof zurück. Im Zwielicht schimmert der kleine See ruhig und das Wasser spiegelt die ersten Sterne. Ein leiser Wind fährt über die Oberfläche und löst kleine Lichtwellen aus. Noch ehe das Festival offiziell beginnt, liegt der Zauber von Wasser und Licht bereits in der Luft – zart und verheissungsvoll wie das leise Summen einer elektrischen Glühbirne in der Ferne.

𝑬𝒏𝒛𝒐 𝑫𝒆𝒔𝒕𝒊𝒏𝒐
Bildnachweis von oben nach unten | links nach rechts:
Seehof Natur Retreat | Kloster Neustift | marbon & arke pastry studio
























